Volkstrauertag am 13.11.2022

Am Volkstrauertag hielt Bürgermeister Timur Özcan zum Gedenken der Toten beider Weltkriege und allen Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft folgende Rede:

Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger,
in diesem Jahr hat der Volkstrauertag sein 100-jähriges Jubiläum: Am 5. März 1922 richtete der Volksbund im Reichstag erstmals eine Gedenkstunde zum Volkstrauertag aus, bei der Reichstagspräsident Paul Löbe (SPD) als Hauptredner auftrat und zur Versöhnung der ehemaligen Kriegsgegner aufrief. Das Motto des
Volksbundes lautet: „Gemeinsam für den Frieden“ und ist hoch aktuell.

Der Volksbund erinnert an die vergangenen und heutigen Kriege und schafft ein Bewusstsein dafür, dass wir uns für Frieden einsetzen müssen. Das Gedenken an die beiden großen Kriege des 20. Jahrhunderts und ihre zahllosen Opfer ist in Europa seither zur Tradition geworden, mehr noch, zu einer humanitären Verpflichtung, der wir uns nicht entziehen dürfen. Es handelt sich nicht um leere Rituale, denn erst das gelebte Bekenntnis zur Vergangenheit macht uns zu dem, was wir sind. Das gilt auch und vor allem für die dunklen Seiten der Geschichte. Wir können sie nicht abstreifen und vergessen oder gar verdrängen.Die schrecklichen Ausmaße und Folgen des Zweiten Weltkrieges haben einige unter uns noch in Ihrer persönlichen Erinnerung, andere kennen sie nur aus dem Geschichtsunterricht. Sie sind einzigartig in der Geschichte: Über 60 Millionen Menschen, mehr als die Hälfte von ihnen Zivilisten, verloren ihr Leben. Kaum eine Familie blieb von den Auswirkungen des Krieges verschont. Doch die Menschen in weiten Teilen Europas hatten sich seit Kriegsende an ein Leben in Freiheit, an Demokratie und Frieden gewöhnt. Sie gelten für uns fast als selbstverständlich und werden von uns leider viel zu selten geschätzt. Dadurch ist auch das Bewusstsein für die zerstörerische Macht von Ideologien und Nationalismus gewichen.

Mit dem völkerrechtswidrigen und durch nichts zu rechtfertigenden Angriff auf die Ukraine am 24. Februar diesen Jahres hat der russische Präsident Wladimir Putin 77 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges die europäische Friedensordnung jedoch tief erschüttert.Die im Westen Jahrzehnte lang gepflegte Illusion vom „ewigen“ Frieden endete an diesem Tag. Wir alle haben es nicht für möglich gehalten, dass so etwas passieren könnte. Wir haben seit Jahrzehnten zu fürchten und zu vermeiden, aber auch zu verdrängen gelernt, dass ein solcher Angriff heutzutage in Europa noch stattfinden könnt. Doch nun ist der Krieg zurück und er ist sehr nah. Wir alle spüren seine Auswirkungen. Er wird in die Geschichte eingehen als Wendepunkt der Nachkriegsordnung von 1945. Unser Kontinent hat bis dahin keinen so gravierenden Eingriff in seine Ordnung, keine so gefährliche Herausforderung für seine Existenz erlebt. Dennoch ist fast nichts von dem, was in der Ukraine passiert, neu. In der Ukraine werden die traumatischen Kindheitserinnerungen unserer Eltern und Großeltern wieder schreckliche Realität. 

Im Jahr 2022 müssen wir Bilder aus der
Ukraine sehen, von denen wir gehofft hatten, dass sie sich gerade auf unserem Kontinent niemals wiederholen: Sirenen. Bomben. Granaten. Panzer. Wohnhäuser, ganze Städte in Trümmern. Verzweifelte Menschen in Kellern, U-Bahnhöfen und Tiefgaragen. Verletzte und Tote, darunter viele Kinder. Millionen auf der Flucht. Auch bei uns in Walzbachtal sind zahlreiche ukrainische Geflüchtete angekommen, die wir aufnehmen und Ihnen damit Sicherheit und Schutz bieten konnten. Die Bilder aus dem gebeutelten Land, die wir täglich in den Medien sehen, geben einen Einblick, wie zerstörerisch sich der Krieg auswirkt, aber auch welch großen Widerstand und welche Solidarität er mobilisiert. Wir sehen, wozu Menschen in diesem Ausnahmezustand fähig sind – im Guten wie im Schlechten.

Wir fragen uns: Hat man denn nicht aus dem großen Leid der Vergangenheit gelernt? Muss all das immer wieder von Neuem beginnen? Die neue Unsicherheit der internationalen Lage, die wir derzeit erleben, führt jedoch deutlich vor Augen, dass es weiterhin Kriege gibt und damit auch die Menschen weiterhin die Erfahrung von Gewalt und Tod machen müssen.
Am Volkstrauertag gedenken wir aller Toten von Krieg und Gewaltherrschaft in Deutschland und weltweit. Doch in diesem Jahr denken wir im Besonderen an die Kriegstoten und ihre Angehörigen in der Ukraine: der vielen in den vergangenen Monaten gefallenen Soldaten und getöteten Zivilisten. Unser Mitleid gilt aber auch den getöteten russischen Soldaten, die diesem verbrecherischen Krieg nicht ausweichen konnten und oft sogar mit einer falschen Wahrheit in die Pflicht genommen wurden. Ich möchte nochmals betonen, dass es weltweit regelmäßig Opfer von Gewaltherrschaft gibt. Wir gedenken heute an ALLE Menschen, die ein solches Schicksal ausgesetzt sind! Dieser Gedenktag gibt uns auch Anlass nachzudenken und besonnen, aber entschieden tätig zu werden. Aggression dürfen wir nicht hinnehmen und müssen daran erinnern, dass wir gemeinsam in Europa für Menschenrechte, Frieden und Freiheit eintreten.

Herzlichen Dank an Sie alle, dass Sie zu diesem Gedenkgottesdienst gekommen sind. Herzlichen Dank an Pfarrerin Tomaides und die Evangelische Kirchengemeinde Wössingen, an Frau Rahmann und die Katholische Kirchengemeinde, auch herzlichen Dank an den Musikverein Wössingen für die würdige Gestaltung des Gottesdienstes

Ich wünsche Ihnen allen und Ihren Familien einen schönen Sonntag und eine Zukunft in Frieden.

Blick von der Wössinger Straße auf das Rathaus Walzbachtal
Das Neue Rathaus
Blick vom Brunnen am Kirchplatz auf den Speyerer Hof
Die Verwaltungsstelle in Jöhlingen
Blick von einem Hügel auf die Siedlung Binsheim
Binsheim